{"id":560,"date":"2015-03-23T23:14:54","date_gmt":"2015-03-23T22:14:54","guid":{"rendered":"http:\/\/notisblokk.de\/?p=560"},"modified":"2015-03-24T15:51:14","modified_gmt":"2015-03-24T14:51:14","slug":"das-bahnhofscafe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/notisblokk.de\/?p=560","title":{"rendered":"Das Bahnhofscaf\u00e9"},"content":{"rendered":"<p>Als ich im vergangenen Jahr ein Schachturnier in Jurmala\/Lettland spielte, wollte Kumpel Cliff mich in einer Mittagspause unbedingt in das Bahnhofscaf\u00e9 mitnehmen. \u00a0Ein sehr buntes, sehr kleines und sehr russisches Caf\u00e9, welches haupts\u00e4chlich durch das Personal und die bereits inventarisierten G\u00e4ste interessant ist. Umsatz spielt nur eine untergeordnete Rolle und wird m\u00f6glichst vermieden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/notisblokk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/J6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-275\" alt=\"J6\" src=\"https:\/\/notisblokk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/J6.jpg\" width=\"550\" height=\"444\" \/><\/a><\/p>\n<p>In diesem Jahr war ich mit dem Norweger Jon Gunnar zum Turnier nach Jurmala gereist. Am Sonntag wollten wir, wie schon am Tag zuvor unser Mittag im Bistro einnehmen, welches sich direkt neben dem Spiellokal befindet. Diese Idee hatten die meisten der anderen 200 Schachspieler auch und so hatte sich bereits ein ziemlich stattliches Wartekollektiv gebildet. Zeitnot bef\u00fcrchtend zogen wir es vor, es in einem der vielen Restaurants in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zu versuchen. Und beim Versuchen blieb es dann auch, da es in Jurmala an diesem sonnigen Sonntag ein \u00dcberangebot an Promenierenden gab und just alle Hunger hatten. Am Ende der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone entdeckten wir ein unscheinbares H\u00e4uschen mit reichlich leeren Tischen, einer herrlich zentralasiatischen Speisekarte und leider viel weniger unscheinbaren Preisen.<\/p>\n<p>Blieb noch das Caf\u00e9 im Bahnhof von Majori, einem Stadtteil Jurmalas. Als wir an der Fu\u00dfg\u00e4ngerampel vor dem Bahnhof warteten, bekam ich eine Nachricht von Cliff, der freudig berichtete, dass er im Bahnhofscaf\u00e9 sei und dort gerade zwei \u00e4ltere Russinnen mit dem Versuch gescheitert waren, einen Tee zu trinken.<br \/>\nDas klang ziemlich interessant und ich bereite Jon Gunnar, der kein Russisch versteht, auf eine kleine Zeitreise in die Sowjetunion vor.<br \/>\nKein Russisch zu verstehen kann durchaus auch ein Vorteil sein. Als wir am Freitag mit dem Taxi nach Jaunkemeri fuhren, musste ich den Monolog des Taxifahrers, der es u. a. innerhalb eines Satzes vom Internationalen Frauentag zum Faschismus schaffte, lautlos ertragen. Um nicht loszuprusten biss ich mir in den Arm w\u00e4hrend ich gleichzeitig versuchte, mit beiden H\u00e4nden die T\u00fcr zuzuhalten, um nicht aus dem \u00fcberf\u00fcllten Auto zu fallen. Jon Gunnar sa\u00df derweil ganz ruhig auf dem Beifahrersitz und besah sich die Landschaft.<br \/>\nWir st\u00fcrmten das Caf\u00e9 also mit einer gewissen Erwartung, deren prompte Erf\u00fcllung mir wirklich die Sprache verschlug. Bis auf Cliff war das Caf\u00e9 leer. Cliff sa\u00df bei Bier und Balsam in der n\u00e4he der T\u00fcr w\u00e4hrend am anderen Ende des Caf\u00e9s eine \u00e4ltere Dame mit einem Abakus ein wenig Mathematik betrieb und aufpasste, dass der Umsatz nicht \u00fcberhand nahm. Kaum waren Jon Gunnar und ich im T\u00fcrrahmen erscheinen, br\u00fcllte sie uns an, dass die Toiletten in der Bahnhofshalle seien und wir uns gef\u00e4lligst rausscheren sollen. Still protestierend blieben wir und lie\u00dfen uns von Cliff, den die Dame bereits lieb gewonnen hatte, die Geschichte mit dem Tee erz\u00e4hlen. Die Bekanntschaft mit Cliff hatte uns ein Bleiberecht verschafft. Und nicht nur dass, wir durften uns am Tresen sogar etwas zu Essen aussuchen. Die Tresenarbeit wurde von einer recht schweigsamen Angestellten verrichtet, die sich vor jedem Arbeitsschritt aber immer erst ein Nicken von der Abakusdame abholte. Jon Gunnar bestellte eine mit Kohl gef\u00fcllte Pirogge und ein St\u00fcck Kuchen. Ich bekam neben dem Kuchen warme W\u00fcrstchen und durfte sogar zwischen Ketchup und Senf w\u00e4hlen. Da ich mein Gl\u00fcck nicht \u00fcberstrapazieren wollte, bestellte ich nur ein Mineralwasser &#8211; statt Mineralwasser und Tee wie ich es sonst oft tue. Cliff quengelte aber, dass ich unbedingt probieren m\u00fcsse, Tee zu bestellen und so tat ich es. Die Caf\u00e9herrin hatte mittlerweile den Abakus verlassen und sich hinter den Tresen begehen, um bessere Kontrolle zu haben und versuchte mir statt des Tees einen Kaffee schmackhaft zu machen. Gerade als ich remis bot, also vorsichtig vorschlug Tee und Kaffee einfach zu vergessen, gab \u00a0sie \u00fcberraschend auf und sagte: &#8222;Na gut, dann mache ich den Wasserkocher eben an.&#8220; Gleich darauf straffte sie sich wieder und prahlte, was f\u00fcr guten Liptontee sie habe. Aber darum ging es ja schon nicht mehr: Ich hatte gewonnen! Im Siegestaumel gab ich ihr Trinkgeld worauf sie etwas von einer Tochter und Hochzeit murmelte und ich das Weite suchte.<br \/>\nVor dieser Mittagspause hatte ich bereits acht Partien in dem Turnier gespielt und nicht mehr als ein Remis und einen kampflosen Punkt geholt. Die letzten drei Runden &#8211; nach der Mittagspause &#8211; gewann ich alle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich im vergangenen Jahr ein Schachturnier in Jurmala\/Lettland spielte, wollte Kumpel Cliff mich in einer Mittagspause unbedingt in das Bahnhofscaf\u00e9 mitnehmen. \u00a0Ein sehr buntes, sehr kleines und sehr russisches Caf\u00e9, welches haupts\u00e4chlich durch das Personal und die bereits inventarisierten G\u00e4ste interessant ist. Umsatz spielt nur eine untergeordnete Rolle und wird m\u00f6glichst vermieden. 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