Die Prinzessin von Stuttgart

Er lehnt an seinem kleinen Tresen, rührt in seinem Tee und blickt auf die Stabkirche gegenüber. Das heisst eigentlich sieht er auf den Parkplatz vor der Stabkirche, der viel zu leer ist für diese Jahreszeit. Es ist wie verseucht, denkt er. Mit Touristen weiss er umzugehen, hat für alle eine passende Geschichte parat. Den Deutschen erzählt er von der Prinzessin von Stuttgart, die ihn im Jahre 79 heiratete und später verschwand, ihm aber heute noch schreibt. Franzosen hören von schönen Taschen im schönen Nizza, und all diese Geschichten werden durch Brocken der jeweiligen Sprache untermalt. Aber nicht nur Gespräche sollen den Verkauf ankurbeln, sondern er setzt auch auf Benebeln durch Weihrauch und die Ausstrahlung von Ikonen. Einen Tipp gibt er gratis: Man solle nicht planen, es komme sowieso anders.
(Ringebu, 12.7.2020)

Die Hygienisten

Seit dem 1.1.2017 gibt es in Norwegen keine Staatskirche mehr. Diese Trennung von Staat und Kirche wurde in den vergangenen zwei Monaten systematisch unterwandert und mittlerweile zeigen viele Angestellte in den unterschiedlichsten Behörden ihren sp(i)rituellen Bedarf ganz offen.

Der Direktor, ein Mann mit viel Esprit, erhielt im Traum den Auftrag eine Arche zu bauen. Herausgekommen ist eine Holzkiste, in der nun Prima-Sprit und Toilettenpapier aufbewahrt werden. Zugang zu diesem Schrein haben nur der Direktor und der Abteilungsleiter oder die Abteilungsleiterin des Tages. Letztere oder Letzterer hält die Morgenandacht, bei der die Hygieneregeln laut verlesen werden. Die Angestellten murmeln leise mit: „… Du sollst den Sp(i)rit nicht missbrauchen. Du sollst die Rede von der inneren Reinigung nicht missverstehen. …“
Danach zelebriert der oder die Vorlesende das rituelle Händereinigen mit Prima-Sprit und wird an diesem Tage nur noch Pontius Pilatus genannt. (Das gendert zwar nicht so richtig, ist den Frauen aber ziemlich egal.)

Anschließend begibt sich die Gemeinde in kleinen Gruppen in nicht lüftbare Besprechungsräume, um diesen mit Aerosolen zu füllen. Wenn die Glocke läutet, springen alle auf, ertränken Tische und Stühle in Prima-Sprit und pilgern zum nächsten Besprechungsraum. Dort wird vom Kaffeeverantwortlichen frischer Kaffee ausgegeben – natürlich nur an Menschen mit frisch gewaschenen Händen. Das Berühren der Kaffeekanne ist ausgewählten Personen vorbehalten, deren Ansehen und Wichtigkeit noch ein Stück über dem Direktor liegt. Es wird berichtet, dass subversive Elemente observiert wurden, die Tee trinken und dabei Teebeutel aus einer Pappschachtel nehmen, die sich nicht einfach alkoholisieren lässt und somit die Möglichkeit von Übertragung und anderen Übeln zulässt.

Wie in einer der kontaktlosen Kontaktgruppen der Hygienisten berichtet wurde, gibt es, seitdem man jeden Morgen die PCs mit Prima-Sprit überschüttet, keine Probleme mit Computerviren mehr.

Rotes Banner

Die Textilfabrik „Rotes Banner“ wurde in den 1920er Jahren von dem deutschen Architekten Erich Mendelsohn neu geplant. Verwirklicht wurde nur die Energiestation des riesigen Fabrikgeländes. Alle anderen Gebäude wurden mit starken Abweichungen zu den ursprünglichen Entwürfen gebaut, sodass Mendelsohn auch nicht mehr der Autorenschaft für diese Gebäude übernahm.
Während die meisten Teile des Fabrikgeländes verfallen, wurde die Energistation restauriert.